Der Wilde Westen

„Ich bin in den Wald gezogen, weil mir daran lag, bewusst zu leben, es nur mit den wesentlichen Tatsachen des Daseins zu tun zu haben.“ – Henry David Thoreau, Walden

Ich bin nach Westen gezogen. Wenn ich in den Wilden Westen will, muss ich mich nur in den Bus setzen, der vor meiner Haustür abfährt. Er fährt aus der Stadt raus, an Äckern vorbei, über Flachland ohne tiefe Wälder. Eine halbe Stunde später steige ich aus und er ist da.

Der Wilde Westen ist dort, wo Fliegen im Maisfeld seinen Rücken umschwärmen, wir über Leitern auf das Dach des Schuppens klettern, um Kirschen zu pflücken und mit dem Kanu das Spiegelbild des Amazonas‘ entlangpaddeln. Wo wir uns entkleidet auf Stegen sonnen, allein in klaren Seen baden und meilenweit über frühere Bahnstrecken radeln. Wo Kinder spielen, Nachbarn helfen und die Sonne untergeht; wo Dialekt gesprochen wird und Altare rund um die Uhr offenstehen. Wo wir Hühner mit Kellerasseln füttern und nach Pferden, Rehen, schwarzköpfigen Schafen und Schweinen Ausschau halten. Wo wir unter einem alleinstehenden Baum inmitten weiter Felder liegen und beobachten, wie tief die Schwalben fliegen, bevor Donner grollt und wir im Haus mit einem Tee oder einem Kinderbuch dem Regen lauschen. Das ist Wildnis, wildromantisch. Das ist unser Paradies.

Den Wilden Westen findest du nicht auf Google Maps und auch nicht unbedingt, wenn du nach Westen gehst. Der Wilde Westen ist vielleicht das Gegenteil von dem, was du unter Westen oder wild verstehst. Er ist nackt. Er ist Wild. Folge Jack London, einem heuballenblonden Jungen. Du wirst dort sein (und nicht bloß da). Und immer gut Kirschen essen.

Kommentar verfassen