Freunde aus Holz und Tinte

Ich nehme sie aus dem Regal und sortiere sie neu: Lyrik zu Lyrik, Dickens zu Dickens, Hemingway zu Fitzgerald. Die starken Frauen zusammen und die Jugendbücher, die ich verschlang, auf einen Stapel. Russen auf Russen, Franzosen auf Franzosen, Deutsche auf Deutsche – ich frage mich, ob mein Vorgehen rassistisch oder sexistisch ist, aber betrachte die verschiedenen Gruppen mit Zuneigung. Philosophische, psychologische und historische Türme sowie fantastische und naturwissenschaftliche Einzelgänger. Die Stapel bilden ein wachsendes, buntes Gebirge auf dem Laminat. Reclam zu Reclam, Drama zu Drama. Ein Glücksgefühl überrollt mich. Reiseführer zu Reiseführer, Schullektüre zu Schullektüre, Fremdsprachiges zu Fremdsprachigem. Ich schwimme in Büchern, wie Onkel Dagobert in Geld.

Nur manche, mit denen ich durch bin oder die mein Interesse nie genug geweckt haben, lege ich in einen Schuhkarton. Nicht um sie wegzuwerfen. „Dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen“, sagt Heine. Wer Bücher entsorgt, fährt am Ende auch mit seinen Mitmenschen so vor, sage ich. Ich schicke die Bücher, denen ich mich nicht verbunden fühle, zurück auf Reisen und gebe ihnen die Chance, jemanden zu berühren, der sie lieben könnte – und das wäre auch Menschen gegenüber fair.

In einigen Büchern stecken Postkarten meiner Freundinnen und Freunde aus Fleisch und Blut – sie aufzuschlagen löst doppelte Nostalgie aus. Von vielen kann ich mich nicht trennen. Es wäre, wie ein Stück Jugend, einen Teil von mir selbst wegzugeben.

Im Flur liegt ein Haufen abgetragener Schuhe, der im Müllcontainer landen wird. Manche meiner Bücher sehen ebenfalls schon sehr verlebt aus, aber ein wesentlicher Unterschied zwischen ihnen und den Schuhen ist, dass es bei ihnen um den Inhalt geht, während bei Schuhen häufig das Optische im Vordergrund steht.

Die Mäntel meiner Bücher sind auch faltig wunderschön. Ich staube sie ab und stelle sie zurück ins Regal, dick neben dünn, hoch neben tief, rot neben gelb, weiß neben schwarz, ihren und meinen Gesinnungen entsprechend.

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