Zwei Tage Paradies

In den letzten zwei Jahren habe ich viele nackte Menschen gesehen. Männer und manchmal auch Frauen. Unverblümt traten sie ans Fenster und blickten hinab auf die Straße. Ich sah sie von meinem Dachgeschosszimmer aus. Sie bewegten sich unter den weißen Bettdecken und zeigten beim Aufstehen Haut. Als die Pandemie kam, waren die Vorstellungen zwischen den aufgezogenen Gardinen die letzten. Dann wurden die Gardinen zugezogen und mir blieb nur noch das Frühstücksgedeck hinter den Erdgeschossscheiben. Ich habe lange gewartet. Auf jemand Bestimmten.

Als das Hotel wieder öffnete, tanzten eine ältere Frau und ein jüngerer Mann im oberen Stock am offenen Fenster. Sie hielt ein Handy, er eine Sektflasche in der Hand. Ich drehte die Lautsprecher auf und tanzte an meinem Fenster mit. Irgendwann sah ich nur noch ein behaartes Bein, angewinkelt auf dem Bett.

Jetzt ist er zu Besuch. Ich habe das Licht ausgemacht, mich ans Fenster gestellt und das Rollo heruntergezogen. Mein Blick wandert durch den Spalt über die Augen des Hotels. Zweite Zeile, vierte Spalte bleibe ich hängen. Dort kommt er durch die Tür, ein Handtuch um die Hüften. Seine Brust ist unbehaart. Er tritt ans Fenster, aber schaut nicht nach unten, sondern hoch zu mir.

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