Amor fati

„Einer von Nietzsches Lieblingsausdrücken ist amor fati (Liebe zum Schicksal) – in anderen Worten: Erschaffe das Schicksal, das du lieben kannst.“ – I.D. Yalom, In die Sonne schauen. Wie man die Angst vor dem Tod überwindet, btb Verlag, München 2008, S. 104

Heute, am heißesten Tag des Jahres, im bisher womöglich heißesten Jahr des Jahrtausends, bin ich die lange Straße entlanggelaufen, die ich früher sehr oft gegangen bin. Zwei Jahre lang habe ich an ihrem gefühlten Ende gewohnt, in dem sicherlich schönsten Gebäude der Stadt, einer alten Villa, die am Stadtrand den Bomben des Zweiten Weltkriegs entgangen war. Nun, ein Jahr nach dem Auszug, ging ich den eintönigen Weg zu ihr noch einmal – nicht um mich zu vergewissern, dass es richtig gewesen war umzuziehen, sondern um in den Wald dahinter zu kommen, mit jemandem, der mein Leben dort versüßt hatte. (Und es vorhin noch einmal versüßte – für den Weg zum Bahnhof gab er mir Blaubeeren mit.) Ich habe es geschafft, die Kleinstadt zu verlassen, in der ich mich schließlich eingeengt fühlte, und es zu lieben, in einer anderen, schönen Stadt zu leben. Hätte ich es auch lieben können, in jener Stadt zu bleiben, wenn ich meine Haltung geändert hätte? Es wäre mir angesichts der möglichen Veränderung vermutlich schwergefallen. Aber wärend meines Besuchs erinnerte ich mich: Als jener Ort für mich notwendig war, habe ich auch ihn geliebt.

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