Herbst

„Aus der Hand frisst der Herbst mir sein Blatt: wir sind Freunde. / Wir schälen die Zeit aus den Nüssen und lehren sie gehen: / die Zeit kehrt zurück in die Schale.“ – Paul Celan, Corona

Ich stelle ihn mir bunt und gemütlich vor, mit viel Tee, Sofawärme, Holz neben dem Kamin und Kürbissen auf dem Balkon. Eine Zeit, in der man sich Fotos ansieht und Vergangenem nachsinnt, Kastanien sammelt, Brownies backt, Drachen steigen lässt, Suppe kocht, durch feuchte Wälder wandert, Lesungen besucht, Filme sieht und sich verliebt. In meiner Vision regnet es draußen nur Blätter und ich drehe mich drinnen zu Schallplatten in warmem Wohnzimmerlicht, schäle Mandarinen und hole den Nussknacker aus dem Versteck.

Woher kommt diese orangerote Brille? Aus Kinderbüchern? Daher, dass ich mich als Kind in Laubhaufen warf, gerne fernsah, Brettspiele spielte und Omas besuchte? Dass ich als Jugendliche im November an Schreibworkshops teilnahm und zusammen mit Freunden Winterlektüren aussuchte, den Käsekuchen und Kakao vieler Cafés genoss und Herbstgedichte schrieb? Dass es Erntedankfeste und Jahrmärkte gab, ich wieder häufiger ins Theater und Museum ging, reiste, umzog, zu studieren begann? Dass ich ihn zu dieser Zeit kennenlernte? Dass er den Herbst mag? Ist es der Zauber vom letzten Jahr?

Im Laufe der warmen Monate vergesse ich Novemberrain, dass meine Heizung nur von acht bis zwölf Uhr läuft, kalte Füße am Schreibtisch und die Wärmflasche zum Einschlafen. Ich vergesse die frühe Dunkelheit und den Drang, draußen nach Hause zu gehen und drinnen unter die Decke, Taschentücher, Schmirgelpapierhände und Melancholie.

Wenn ich Mitte Oktober den Mantel gegen den Anorak tausche, blicke ich der Realität ins Auge, die plötzlich unter einem verdeckten Stern steht. Ich würde die Vorstellung des Sommers vom Herbst gerne heraufbeschwören und wahr werden lassen. Es liegt an mir, ob ich Grau oder Bunt sehe, ob ich den Herbst mit schönen Dingen fülle oder nicht.

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